the art of ballOOn-painting

by uwe kurz

Über den Zufall in der Kunst

 

In der Kunst gibt es nicht nur eine Art von Zufall. Häufig trifft das Zufallserleben unbewusste persönliche Erlebnisse oder Probleme und erfüllt in diesem Fall eine symbolische Funktion. Zufall kann sich aber auch auf formale und technische Fragen beziehen, dann handelt es sich um ein vom künstlerischen Interesse geleitete selektive Wahrnehmung des »Zufälligen«.

 

Zufall und Phantasie sind nahezu untrennbar miteinander verbunden. Visuelle Eindrücke oder Erinnerungsbilder, die nur in der Vorstellung existieren, lösen bildhafte Assoziationen aus, wobei die Voraussetzung einer Analogie gegeben sein muss: der die Assoziation auslösende Gegenstand muss formal weitgehend dem assoziierten Inhalt ähnlich sein. Bei der Um- oder Ausdeutung wird der Zufallsfund mit einer neuen Bedeutung versehen und damit in einen anderen Gegenstand verwandelt. Man denke an Picassos »Stierkopf« aus Fahrradsattel und Lenkstange.

 

Viele Künstler befassten sich mit dem Zufall und dem Zufälligen in der Kunst. So schrieb Leonardo da Vinci u.a. in seinem »Traktat von der Malerei« um 1500:

... Achte diese Meinung nicht gering, in der ich dir rate, es möge dir nicht lästig erscheinen, manchmal stehen zu bleiben und auf die Mauerflecken hinzusehen oder in die Asche im Feuer, in die Wolken, oder in den Schlamm und auf andere solche Stellen; du wirst, wenn du sie recht betrachtest, sehr wunderbare Erfindungen zu ihnen entdecken. Denn des Malers Geist wird zu solchen neuen Erfindungen durch sie angeregt ...

 

Mitte des 19. Jahrhunderts experimentierten zwei Dichter unabhängig voneinander mit Zufallsbildern aus Tinten- und Tuscheklecksen. In Frankreich Victor Hugo und in Deutschland Justinus Kerner. Während erster kein bestimmtes Zufallsverfahren entwickelte und frei mit wegspritzender Tusche experimentierte, bediente sich Justinus Kerner bei seinen »Kleksographien« des Falz- oder Faltdrucks. Hierbei faltete und presste er ein Papier, auf dem sich ein nasser Farb-, Tusche- oder Tintenklecks befand, in der Mitte zusammen, sodass weitgehend symmetrische Zufallsbilder entstanden, welche von ihm assoziativ ausgedeutet und entsprechend weiter ausgearbeitet und mit Gedichten versehen wurden.

 

Mehr als ein halbes Jahrhundert später beschäftigte sich der Schweizer Hermann Rorschach mit der Klecksografie, diesmal jedoch nicht unter künstlerischem sondern unter psychoanalytischem Aspekt (»Rorschach-Test«).
Interessanterweise fertigte Andy Warhol 1984 etliche überdimensionale Gemälde der Rorschach-Tintenkleckse an und führte somit den Bogen wieder zurück zur Kunst.

 

Der Zufall spielte für die weitere Entwicklung der Kunst im 20. Jahrhundert eine bedeutende Rolle. »Seine Majestät der Zufall« wurde von vielen Künstlern offiziell und endgültig anerkannt, darunter insbesondere auch von den Dadaisten z.B. Marcel Duchamp, der zunächst in der Art eines Laborversuches Schnüre von einem Meter Länge aus aus einem Meter Höhe auf den Boden fallen ließ und die so erzeugten Kurven in Holzlineale schnitt, später mit seinen »ready-mades«, Hans Arp, der Maler, Dichter und Bildhauer, Joan Miró, der beispielsweise eine Keramikwand für das Kunsthaus Zürich mit Farben aus Eimern besprengte und diese dann mit Besen verteilte, Max Ernst mit seinen Frottagen, Grattagen und Décalcomanien, der den Begriff der »Befreienden Verfahren« prägte. Ernst wiederum beeinflusste auch Maler wie Jackson Pollock, den Action-Painter mit seinen »drip-paintings«, wobei sich dieser explizit nicht auf den Zufall berief.

 

Vielfältig wurde Material eingesetzt, um Zufallsergebnisse zu erhalten, doch gab es meines Wissens nur eine Künstlerin, die Luftballons für Kunsthappenings verwendete, wenn auch nur am Rande:
Niki de Saint-Phalle.
Die Malerin und Objektkünstlerin wurde am 29. Oktober 1930 in Neuilly-sur-Seine geboren. Erst Nonnenschülerin, Fotomodell, Ehefrau, dann mit zwanzig der Nervenzusammenbruch. In der Kunst sucht sie Heilung – uns sich selbst.
    Bekannt wurde sie erstmals im Jahre 1956 durch ihre Schießbilder. Gezielte Schüsse mit dem Gewehr auf unschuldig-weiße reliefartige Gips-Assemblagen brachten die unter deren Oberfläche verborgenen Farbbeutel, farbgefüllte Luftballons, Spraydosen, farbgefüllte Eimer usw. zur Explosion, so dass sich die Farbe bei einem Einschuss über das Bild verteilen konnte. Diese Schießhappenings sicherten ihr Anfang der sechziger Jahre einen festen Platz im Kreis der »Neuen Realisten«, sie waren Nikis erste Befreiungsaktion von einem übergroßen Vater. Sie schoss zum Spaß, um zu sehen, wie das Bild blutete und starb und sagte selbst:

Anstatt Terrorist zu werden, wurde ich Terrorist der Kunst.

 

Doch was heißt nun »Zufall« in der Kunst?

 

Hans Ulrich Reck (in Gendolla/Kamphusmann) sagt es kurz und bündig:

Es gibt keinen Zufall in der bildenden Kunst, vieles sieht nur so aus, als ob es damit zu tun hat.

Und an anderer Stelle:

In der Kunst gibt es nicht Zufall, nur Überlistungsstrategien, die dem als Zufall erscheinen, der sie als Listen noch nicht zu durchschauen vermochte.

Somit erscheinen »die oft reichlich naiv und schnell dem Reich des Zufälligen überantworteten künstlerischen Praktiken von Surrealismus und Dadaismus, Pollock und Cage bis Informel, arte povera und Beuys« in einem anderen Licht. Man kann die Künstler »von Anfang an verdächtigen, dem Gott Zufall nur da zu weichen, wo er ihren Discours ohnehin nicht verwischt.«
Zitiert wird auch John Cage:

Als ich anfing mit Münzen zu losen, dachte ich manchmal: hoffentlich ergibt sich dies und das.

Die Arbeit eines Künstlers ist reaktiv und projektiv und damit wird auch der Zufall

sofort in den Plan des Malers übernommen. In dem Maße, wie das geschieht, läßt er sich nicht mehr von dem beabsichtigten Entwurf trennen. Die subjektive Beziehung zur künstlerischen Planung entscheidet über den Charakter des Zufälligen. In diesem Sinne ist an dem Medium alles zufällig, was nicht mit dem vorgefaßten künstlerischen Plan übereinstimmt, was als absolut nicht dazugehörig empfunden wird.
(Ehrenzweig: Ordnung und Chaos, München 1974)

Insofern ist am Verschütten und Verspritzen von Farben wenig wirklich Zufälliges, denn schon früh hat man es mit den geschicktesten Techniken verstanden, sich scheinbar unkontrollierbare Verfahren z.B. das Auseinanderlaufen von Aquarellfarben zunutze zu machen. Wichtiger als die entsprechende Technik sind die Auswahlmöglichkeiten. Jorn Asger stellt in seinem Plädoyer für die Form (München 1990) fest:

Auswählen, das bedeutet, nicht zu wissen, das bedeutet, etwas zu opfern. Auswählen, das bedeutet formen oder ausschließen: das ist Kunst.

 

Literatur:

E. Brügel: Praxis Kunst Zufallsverfahren Hannover (Schroedel), 2000

P. Gendolla/Th. Kamphusmann (Hrsg.): Die Künste des Zufalls Frankfurt/M. (Suhrkamp) 1999

W. Rieß: Befreiende Verfahren I Diezenbach (ALS) 1996

ders.: Befreiende Verfahren II Diezenbach (ALS) 1998

 

 

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