the art of ballOOn-painting

by uwe kurz

 

Max Ernst (1891-1976)

 

Max ErnstKein deutscher Maler unseres Jahrhunderts hat so revolutionär die traditionellen abendländischen Bildauffassungen angegriffen wie Max Ernst. Keinem Künstler unseres Jahrhunderts verdankt die bildende Kunst so viele technische Erfindungen wie ihm, und dennoch zählt er zu den Malern der Gegenwart, die über einen internationalen Kreis von Händlern, Sammlern, Kunstwissenschaftlern ... hinaus wenig bekannt sind.
Max Ernst, der deutsch-französische Maler, Graphiker und Bildhauer, zählt zu den innovativsten Künstlerpersönlichkeiten des 20. Jahrhunderts.

Am 2. April 1891, um 9.45 Uhr, hatte Max Ernst seinen ersten Kontakt mit der fühlbaren Welt, als er aus einem Ei schlüpfte, das seine Mutter in eines Adlers Nest gelegt hatte, und welches der Vogel dort sieben Jahre lang ausgebrütet hatte. Dies ereignete sich in Brühl, sechs Meilen südlich von Köln. Hier wuchs Max auf und wurde ein hübsches Kind. In seiner Jugend gab's einige dramatische Zwischenfälle, jedoch im großen und ganzen ist sie nicht als unglücklich zu bezeichnen.

beschreibt Ernst selbst seine Jugendzeit. Weiter berichtet er in seinen autobiografischen Notizen von seinem ersten Kontakt mit der Malerei, die er von seinem Vater Philipp Ernst erlernt, von den Tagen auf der Penne:

Ohne Schaden zu leiden an seiner Seele übersteht Max die Wonnen und Greuel der wilhelminischen Erziehungsmethoden in der Seminar-Übungsschule zu Brühl und im Städtischen Gymnasium.

An den Nachmittagen und den Wochenenden geht Ernst mit Malutensilien und Staffelei auf Entdeckungsreisen in die Umgebung: »Straßenbild in Brühl«, »Pingsdorfer Kirmes«, »Eisenbahnunterführung an der Comesstraße«, Skizzen der Bauern und Landarbeiter sowie Aquarell-Studien aus dem Schlosspark entstehen und überdauern die Zeit.
    Er studiert zunächst Kunstgeschichte in Bonn. 1919 gründet er gemeinsam mit Hans Arp die Kölner Dada-Gruppe und gehört 1924 zu den ersten Mitgliedern der Surrealistengruppe in Paris, wo er seit 1922 lebte. Als Künstler Autodidakt, wendet sich Ernst bereits frühzeitig der Technik der Collage zu, mit der er Ausschnitte aus Kupferstichillustrationen des 19. Jahrhunderts zu neuen Kontexten kombiniert und verfremdet. Max Ernst entdeckt die Klebetechnik 1920 für sich, als er zufällig den Katalog einer Kölner Lehrmittelanstalt betrachtet. Es entstehen die ersten Dada-Collagen. Höhepunkt dieser Arbeit sind seine surrealistischen Collageromane »La femme 100 tetes« (»Die hundert kopf-lose Frau«) und »Une semaine de bonte«. Die Collage ist für Max Ernst weit mehr als ein bloßes Stilmittel (wie es z. B. bereits Picasso in seinen kubistischen Bildern benutzt):

Collage-Technik ist die systematische Ausbeutung des zufälligen oder künstlich provozierten Zusammentreffens von zwei oder mehr wesensfremden Realitäten auf einer augenscheinlich dazu ungeeigneten Ebene - und der Funke Poesie, welcher bei der Annäherung dieser Realitäten überspringt.

definierte er sie 1962 in seinen biographischen Notizen »Wahrheitgewebe und Lügengewebe«. Die mit einer Gouache und Bleistiftzeichnung kombinierte Collage »Loplop présente« steht im Zusammenhang mit einer ganzen Reihe von anderen »Loplop«-Bildern. »Loplop« alias »Hornebom, der Vogelobere« ist der surrealistische Doppelgänger von Max Ernst. Bereits in der Zeit nach dem 1. Weltkrieg wird das geheimnisvolle Vogelwesen zum Alter Ego des Künstlers. Loplop liebt das Unentdeckte, liebt Forscher und Pioniere. Loplop Ernst ist selbst ein großer Erfinder. Er entdeckt eine Reihe neuer Möglichkeiten, mit denen sich Bilder und Texte schaffen lassen - Mittel, die Künstler heute noch benutzen. Spielerisch und kreativ werden diese Instrumente und Methoden erprobt und angewandt.
    Die während dieser Zeit entstehenden Gemälde, wie »Celebes« (1921, Tate Gallery, London) oder »Zwei Kinder werden von einer Nachtigall bedroht« (1924, Museum of Modern Art, New York), sind stark vom Werk Giorgio de Chiricos beeinflusst. Der Wunsch, einen der automatischen Schreibweise (écriture automatique) surrealistischer Autoren entsprechenden Kunststil zu kreieren, führt Ernst 1925 zur Entwicklung einer von ihm selbst als »Frottage« bezeichneten graphischen Technik, bei der er die Oberflächenstruktur von Objekten wie Blättern oder Holzstücken mit Hilfe eines weichen Bleistifts auf den Zeichenträger durchreibt und sich dadurch zu neuen visionären Bildkonzepten anregen lässt. 1925 entdeckt der Künstler diese Technik als Mittel der Bildfindung und der Intensivierung seiner »visuellen Fähigkeiten« und wendet es bei den 34 Blättern der »Naturgeschichte« erstmals an. Auf diese Weise entstehen gewaltige Traumstädte, in denen sich Elemente des Vegetativen und Zivilisatorischen überlappen (Die ganze Stadt, 1936-1937, Kunsthaus Zürich).

Frottage ist nichts anderes als ein technisches Mittel, um die halluzinatorischen Fähigkeiten des Geistes zu steigern, damit Visionen sich automatisch einstellen ein Mittel, sich seiner Blindheit zu entledigen.

Darüber hinaus experimentiert Ernst mit der Grattage, bei der ein dicker Farbauftrag wieder von der Leinwand heruntergekratzt wird, so dass ein Negativbild entsteht. Ende der zwanziger Jahre wendet sich Ernst auch der Bildhauerei zu und schafft zahlreiche Plastiken, die stark von der afrikanischen Kunst beeinflusst sind (Capricorne, 1948-1964, Nationalgalerie, Berlin).
    Ernst gehört ab 1938 dem Vorstand des von deutschen Antifaschisten in Paris gegründeten Freien Künstlerbundes an, dessen Präsident Oskar Kokoschka ist. Er wird 1939 als Ausländer in Frankreich interniert, kann jedoch fliehen. Von der Gestapo verfolgt, gelingt ihm mit Hilfe von Freunden die Flucht in die USA, wo er als Deutscher sofort wieder für kurze Zeit interniert wird. 1950 kehrt Ernst nach Frankreich zurück, wo er am 1. April 1976 in Paris verstirbt.

 

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Die Frottage

 

Max Ernst hat das beliebte Spiel, bei dem man mit einem Bleistift Münzen auf einem Papier durchreibt, zum künstlerischen Ausdrucksmittel gemacht und den Begriff »Frottage« dafür eingeführt. Das Verfahren ist denkbar einfach. Ein Blatt Papier wird auf den Gegenstand mit unregelmäßiger, rubbeliger Oberfläche gelegt und genau dort, wo der Gegenstand liegt, mit einem Bleistift möglichst gleichmäßig zugestrichen. Die erhabenen Stellen des Gegenstandes zeichnen sich auf dem Papier ab. Ein Foto zeigt Max Ernst bei der Frottage eines alten Brettes, dessen Maserung ein ausgeprägtes Relief aufweist. Der alte verwitterte und erodierte Sandstein des Freiburger Münsters war die Unterlage für die Frottage, wobei ein schwarzer Wachsmalblock verwendet wurde. Im Vergleich erkennt man, dass Frottagen von stark zerfurchten Oberflächen und von Gegenständen mit breiten und tiefen Einschnitten und Höhlungen den frottierten Gegenstand kaum noch erkennbar lassen. Oder anders formuliert: Solche Gegenstände werden durch die Frottage stark verfremdet.
    Die Beispiele belegen den großen Vorteil der Frottage, mit leicht verfügbaren Mitteln an jedem Ort, an dem sich brauchbares Material anbietet, das Verfahren auch praktisch durchführen zu können. Daraus lassen sich entsprechende Motivreihen und Bildraster in Form von Bildermappen oder Bilderbüchern entwickeln. Themen dafür könnten sein: Die Mauern des Doms, des Schlosses, der Burg in ..., Spuren in meiner Wohnung, Holz und seine Maserung, usw. In einem solchen thematischen Zusammenhang könnte man auch durchaus die Frottage mit der Methode der Boyle Family, mit dem Zufall in der Kunst umzugehen, kombinieren.
    Mit der Frottage von Objekten wie dem Zwiebelnetz, das sich in verschiedene Formen legen lässt, kann der Eindruck von Bewegung und von räumlicher Tiefe hervorgerufen werden, wie er am Objekt selbst in diesem Ausmaß nicht erkennbar ist. Auch hier lässt sich mit einem einzigen Netz eine Bildreihe unterschiedlicher Frottagen herstellen etwa mit dem Thema einer zunehmend gestörten Ordnung. Am Anfang könnte dabei ein gleichmäßig gelegtes Netzraster stehen, das in der Abfolge einzelner Frottagen schrittweise gestört wird. Die Form der Störung kann festgelegt werden etwa als Welle, welche sich kontinuierlich vergrößert. Als ein anderes Motiv bietet sich die Schichtung mehrerer Frottagen an. Das Ergebnis ist hier die räumliche Durchdringung transparenter Netzstrukturen.

 

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Die Décalcomanie

 

Marcel Jean beschreibt, wie Oscar Dominguez 1935, also relativ spät in der Geschichte des Surrealismus, zufällig das Verfahren der Décalcomanie entdeckt:

Er hat mit einem Pinsel Deckfarben auf ein glattes Papier verteilt, ein zweites Blatt auf die frische Farbe gelegt und dann beide Blätter getrennt: die zerdrückte Farbe schuf Felsen-, Wasser- und Korallenlandschaften. Die Gruppe nahm die neue Technik mit Begeisterung auf und stellte mit Eifer solche Décalcomanien her. 'Minotaure' reproduzierte in Nr. 8 mehrere von ihnen. Breton schrieb eine Einführung dazu und Benjamin Péret eine phantastische Erzählung, zu der ihn die neuen Bilder angeregt hatten.

Die Schriftsteller und bildenden Künstler machten die Ergebnisse ihrer Décalcomanien zum Gegenstand assoziativer Ausdeutungen. Während Dominguez die Ergebnisse seiner Décalcomanien unverändert dem Betrachter zur uneingeschränkten Ausdeutung ausliefert, realisiert Max Ernst seine Assoziationen in einem bewussten und gezielten malerischen Eingriff. In einem ersten Schritt grenzt er Formen in den amorphen Zufallsstrukturen dadurch ein und ab, dass er die restliche Fläche mit einem Himmel übermalt. Dabei geht Max Ernst derart behutsam vor, dass die durch den Himmel bestimmte Silhouette der Baumgruppe vom Charakter der Zufallsstruktur bestimmt wird. In einem zweiten Schritt verleiht er den Figuren eine mehr oder weniger prägnante und plastische Gestalt, wie z.B. dem Vogelkopf, der durch den roten Mantel als der »Vogelobere Loplop« gekennzeichnet wird. Die malerischen Eingriffe in die als »Faszinierende Zypressen« benannten Zufallsstrukturen sind dagegen so sparsam, dass man schon genau hinsehen muss, um sie überhaupt zu entdecken.
    Die Décalcomanien von Oscar Dominguez und Max Ernst unterscheiden sich in der bewussten ästhetischen bzw. inhaltlichen Auswahl. Dominguez grenzt mittels Schablonen Ausschnitte aus, um auf diese Weise »Umrissen von Löwen, Fenstern, Grammophonen, Händen und Gesichtern ... Strukturen von Felsen, Seen oder Unterwasserruinen« (Marcel Jean) Gestalt zu verleihen. Ernst macht seine Assoziationen im direkten malerischen Eingriff sichtbar. Dominguez greift in die Zufalltextur nicht direkt ein, er lässt das Zufallsergebnis für den Betrachter als solches bestehen, übrigens ohne dass der Betrachter sich dessen bewusst wird, dass eine Vorauswahl bereits getroffen wurde. Die überarbeiteten Décalcomanien von Max Ernst erscheinen demgegenüber als persönliche künstlerische Aussagen.

 

aus: E. Brügel: Praxis Kunst Zufallsverfahren, Hannover (Schroedel), 2000

 

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Über den Zufall in der Kunst

 

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