the art of ballOOn-painting

by uwe kurz

 

Hans Arp (1887-1960)

 

Hans ArpHans Peter Wilhelm Arp wird 1887 als Sohn eines Zigarrenfabrikanten und dessen elsässischer Frau in Straßburg im Elsass geboren. Sein aus einer Schleswig-Holsteinischen Hugenottenfamilie stammender Vater besaß eine gutgehende Zigarrenfabrik. Seine Mutter war eine Straßburgerin.
Die Zeichen- und Dichtertalente des älteren von zwei Söhnen werden rasch erkannt. Hans Arp besucht von 1901 bis 1903 die Straßburger Kunst- und Gewerbeschule, wo er bereits die kanonisierten Lehrmethoden in Frage stellt. Seine Auffassung der Realität kann er nicht durch bloße Imitation ausdrücken.
    1904 veröffentlicht Arp seine ersten Gedichte. Durch Privatunterricht beim Maler Georges Ritleng wird Arp in den Straßburger »Stürmer«-Kreis um René Schickele, Ernst Stadler und Otto Flake aufgenommen. Das Pathos der offiziellen Kultur lehnen sie ab. 1904-1908 studiert er an der Kunstschule Weimar und an der Académie Julian in Paris bildende Kunst. Dank seines in Paris lebenden Onkels kommt er mit der dortigen Kunstszene in Kontakt und wird durch Rainer Maria Rilke bei Rodin eingeführt, den er 1905 in seinem Atelier besucht. 1911 wird Arp Mitbegründer der Künstlervereinigung »Moderner Bund« in der Schweiz. Er lernt Wassily Kandinsky kennen und knüpft über ihn Kontakte zu der expressionistischen Künstlergruppe »Der Blaue Reiter« in München. 1913 veröffentlicht Arp Artikel in der expressionistischen Zeitschrift »Der Sturm« in Berlin. Nach Beginn des Ersten Weltkriegs in die Schweiz zurück. 1915 werden Arps abstrakte Werke in Zürich erstmals ausgestellt. Hier lernt er auch die Malerin Sophie Täuber kennen, die er später heiratet.

Sophie Taeuber und ich malten, stickten und klebten im Jahre 1915 Bilder, die wahrscheinlich die ersten Werke ›konkreter Kunst‹ sind. Diese Arbeiten sind selbständige, unabhängige ›Wirklichkeiten‹. Sie haben keinen rationalen Sinn; sie entspringen nicht der greifbaren Wirklichkeit. Wir verwarfen alles, was Nachahmung oder Beschreibung sein könnte, um das Elementare und Spontane in uns frei wirken zu lassen.
(zit. nach Dada. Eine internationale Bewegung 1916-1925. Katalog zur Ausstellung 1993).

 

1916 illustriert Arp Tristan Tzaras (1896-1963) »25 Gedichte«. Arp schließt sich einer Gruppe von Künstlern an, die sich regelmäßig im Café Voltaire in Zürich treffen, um ihre pazifistische Einstellung öffentlich zu äußern. Diese Gruppe, zu der neben Tzara auch Hugo Ball (1886-1927) und Richard Huelsenbeck (1892-1974) gehören, begründet die »Dada-Bewegung« in der Schweiz und veranstaltet regelmäßig ein Kabarett, in dem Künstler ihre dadaistischen Werke vorstellen.
1917 entdeckt Hans Arp in Zürich zufällig den Zufall als Kompositionsprinzip:

Arp hatte lange in seinem Atelier am Zeltweg an einer Zeichnung gearbeitet. Unbefriedigt zerriss er schließlich das Blatt und ließ die Fetzen auf den Boden flattern. Als sein Blick nach einiger Zeit zufällig wieder auf diese auf dem Boden liegenden Fetzen fiel, überraschte ihn ihre Anordnung. Sie besaß einen Ausdruck, den er die ganze Zeit vorher vergebens gesucht hatte. Wie sinnvoll sie dort lagen, wie ausdrucksvoll! Was ihm mit aller Anstrengung vorher nicht gelungen war, hatte der Zu-Fall, die Bewegung der Hand und die Bewegung der flatternden Fetzen bewirkt, nämlich Ausdruck. Er nahm diese Herausforderung des Zufalls als ›Fügung‹ an und klebte sorgfältig die Fetzen in der vom ›Zu-Fall‹ bestimmten Ordnung auf.
(Hans Richter)

Betrachtet man die Anordnung und relativ gleichmäßige Verteilung der Papierelemente ohne Überschneidung, dann muss Arp bei seiner Collage den Zufall doch erheblich korrigiert haben. Hans Richter, dem es darum geht, die historischen Verdienste der Züricher Dadaisten herauszustellen, muss später einschränken: »... bei Arp (bestimmte) die sehend-bewußte-Wahl die endgültige Form ...«
    1919 zieht Arp nach Köln und schließt Freundschaft mit Max Ernst und Johannes Baargeld (1892-1927). Mit beiden Künstlern steht Arp für den »Kölner Dadaismus«, der sich durch politisch-provokante Arbeiten auszeichnet. Gemeinsam geben sie die marxistisch orientierte Satire-Zeitschrift »Der Ventilator« heraus. 1920 wendet Arp sich mit seinen Arbeiten stärker dem abstrakten Surrealismus zu. 1922 heiratet er Sophie Täuber. Diese besitzt einen Lehrauftrag für Textiles Entwerfen an der Kunstgewerbeschule Zürich. Ihre ruhigen, symmetrischen Kompositionen aus Stickereien, Stoff und Papier befruchten das Schaffen von Hans Arp, während sie selbst Dada-Themen plastisch verarbeitet (Dadakopf, 1918) und als Tänzerin bei Dada-Veranstaltungen auftritt. Mehr als Hans Arp repräsentiert Sophie Taeubers Frühwerk eine ganz individuelle Verbindung von Dada und Konstruktivismus. Berühmt sind ihre Marionetten zu Carlo Gozzis Stück »König Hirsch« (Aufführung 1918 anlässlich einer Werkbund-Ausstellung).
    1923 beginnt Arp die Zusammenarbeit mit dem in Hannover lebenden Dadaisten Kurt Schwitters (1887-1948). Arp verfasst Beiträge für die Zeitschrift »Merz«. Für den Dichter Arp ist sein Sprachwitz auf eine dadazu skurrile Weise typisch. Es verdürbe den Spaß an seinen teils surrealen, teils grotesken Wortspielen und -fragmenten, wollte man nach irgendeinem »tieferen Sinn« suchen. Arps Dichtkunst ist keineswegs ein künstlerischer Nebenschauplatz, sondern gleichwertiger Ausdruck seines abstrakten Schaffens, bei dem vor allem die differenzierte Rhythmik besticht.
    Er zieht nach Paris und nimmt dort an der ersten Gruppenausstellung der Surrealisten teil. Gemeinsam mit Sophie Taeuber gelangte er von der kubistisch beeinflussten Malerei zur Verwendung natürlicher Materialien, wie Holz, Papier, Wolle, Seide oder Stoff. Homogene Flächen konkurrieren mit der Dynamik seiner Formen. 1926 zieht Arp nach Meudon (heute: Clamart) in Frankreich. Am 20. Juli wird er französischer Staatsbürger. In den zwanziger Jahren entwickelte er vor allem im Relief bahnbrechende Innovationen, die zwischen Abstraktionen, die noch ein Vorbild erkennen lassen, und freien, gegenstandslosen Formen changiert. Arp wird in der Folge einer der Pioniere der gegenstandslosen Plastik. 
    1931 wendet Arp sich der Arbeit an abstrakten Plastiken zu und wird Mitglied der französischen Künstlergruppe »Abstraction-Création«, die von Georges Vantongerloo (1886-1965) geleitet wird. Die Gruppe arbeitet in ihren Werken mit der reinen Abstraktion. Er entwickelt eine dem Wachstum der Natur analoge organische Formensprache. Seine Arbeiten zeichnen sich durch eine meditative Ruhe und Harmonie aus, die an die Ästhetik des fernen Ostens erinnern. Die bei ihm immer wieder durchschimmernde Ironie hingegen ist eine Erbe des Dadaismus. Seine Kunst vermengt mit der Zeit immer mehr zwei gegensätzliche Kunstsprachen, die geometrische und die organische, die in seinem Spätwerk kaum mehr getrennt werden können.
    1940 werden Arps Werke von den Nationalsozialisten als »Entartete Kunst« betrachtet und verboten. Nach der deutschen Besetzung Frankreichs flieht Arp nach Grasse (bei Nizza) in den unbesetzten Teil Frankreichs. 1941 zieht Arp in die neutrale Schweiz und lässt sich in Zürich nieder. 1943 stirbt Sophie Taeuber. Zwischen 1950-1969 entwirft Arp mehrere Großplastiken für die Universitäten Harvard und Caracas sowie für das Gebäude der UNESCO  in Paris. 1952-1958 unternimmt Arp Reisen nach Griechenland, Mexiko und in die USA. 1959 zieht er nach Locarno (Schweiz) und heiratet Marguerite Hagenbach. 1960 reist er nach Ägypten, Jordanien und Israel. Am 7. Juni stirbt Hans Arp in Basel.

 

Uwe Kurz

 

Hans Arp: Sekundenzeiger

 

daß ich als ich
ein und zwei ist
daß ich als ich
drei und vier ist
daß ich als ich
wieviel zeigt sie
daß ich als ich
tickt und tackt sie
daß ich als ich
fünf und sechs ist
daß ich als ich
sieben acht ist
daß ich als ich
wenn sie steht sie
daß ich als ich
wenn sie geht sie
daß ich als ich
neun und zehn ist
daß ich als ich
elf und zwölf ist.

 

 

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Über den Zufall in der Kunst

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